Die Geschichte des Aderlasses geht bis in die Antike zurück – Der Aderlass gehört zu den ältesten Heilverfahren der Menschheit. Über mehr als zweitausend Jahre war er eine der wichtigsten Behandlungsmethoden – von der griechischen Antike über die Klostermedizin des Mittelalters bis in die moderne Naturheilkunde.
Die Antike – Hippokrates und die Vier-Säfte-Lehre
Bereits der griechische Arzt Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) beschrieb den Aderlass in seinen Schriften. Grundlage war die Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie): Man ging davon aus, dass der Körper von vier Säften bestimmt wird – Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim. Krankheit galt als Ungleichgewicht dieser Säfte, das der Aderlass wieder ausgleichen sollte. Der römische Arzt Galen (129–ca. 216 n. Chr.) baute diese Lehre aus und machte den Aderlass zu einer zentralen Therapie, die die Heilkunde über tausend Jahre prägte.
Das Mittelalter – Klostermedizin und Hildegard von Bingen
Im Mittelalter wurde der Aderlass vor allem in den Klöstern gepflegt, den damaligen Zentren der Heilkunde. 1215 untersagte das Vierte Laterankonzil den Geistlichen chirurgische Eingriffe – fortan übernahmen Bader und Wundärzte den Aderlass.
In diese Zeit fällt das Wirken von Hildegard von Bingen (1098–1179). Die Äbtissin, Heilerin und Gelehrte beschrieb den Aderlass in ihren medizinischen Werken besonders genau und ordnete ihn in ein umfassendes Verständnis von Mensch und Natur ein.
Typisch für das Mittelalter waren zudem Aderlasskalender und das sogenannte „Aderlassmännchen“ – bildliche Darstellungen, die zeigten, an welchen Körperstellen und zu welchen Zeiten (oft nach Mond- und Sternzeichen) ein Aderlass erfolgen sollte. Der Bezug zum Mondzyklus, bis heute ein Kennzeichen des Hildegard-Aderlasses, hat hier seine historischen Wurzeln.
Neuzeit – Blütezeit und erste Zweifel
In der Neuzeit war der Aderlass in ganz Europa verbreitet. Selbst die Entdeckung des Blutkreislaufs durch William Harvey im Jahr 1628 änderte daran zunächst nichts. Im 16. Jahrhundert entbrannte unter Ärzten ein berühmter Streit über die richtige Aderlass-Technik, und noch im 18. Jahrhundert galt der Aderlass vielen Ärzten als nahezu universelles Heilmittel.
Das 19. Jahrhundert – Kritik und Niedergang
Im 19. Jahrhundert wuchs die Kritik am teils übermässigen Einsatz – man prägte sogar den Begriff der „Phlebotomomanie“ (Aderlasswut). Mit dem Aufkommen der wissenschaftlich begründeten Medizin verschwand der Aderlass schliesslich weitgehend aus dem ärztlichen Alltag.
Der Aderlass heute
In der Schulmedizin wird der Aderlass heute nur noch bei wenigen, klar definierten Erkrankungen eingesetzt – etwa bei der Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose) oder bei einer krankhaften Vermehrung roter Blutkörperchen (Polycythaemia vera).
Gleichzeitig lebt das jahrhundertealte Wissen in der Naturheilkunde weiter: Der Aderlass nach Hildegard von Bingen knüpft an diese lange Tradition an. Dr. Ewald Töth entwickelte daraus über Jahrzehnte die heute angewandte, sanfte Methode, die überliefertes Wissen mit modernen Erkenntnissen verbindet.
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